Rom – Flucht vor der Stadt
Was als Urlaub für zwei Wochen geplant war, fand für mich bereits innerlich nach zwei Tagen ein Ende & nach fünf Tagen bestieg ich ein Flugzeug zurück nach HH. Länger hielt ich es in der Stadt nicht aus & das auch nur, weil dann die vorzeitige Abreise feststand. Der gute Freund blieb dort & natürlich war es für mich eine Entscheidung, die mit einem bannig schlechten Gewissen einherging. Aber nun ist es so. Dennoch sollen hier ein paar Details & Eindrücke vermittelt & bebildert werden:
08.03.2008, Samstag
Wir sind in
Rom angekommen. Bei der Suche nach der Ferienwohnung entsteht der
erste Eindruck: übervoll an Touristen & sehr laut durch
einen nicht abreißenden Strom an Autos & Bussen.
Ich
schwitze im Wollmantel mit dem großen Rucksack auf den
Schultern. Der Beckengurt sitzt nicht richtig & 18 kg zerren an
mir. Lange Zeit irren wir umher, finden unseren Zielort nicht,
verlaufen uns, müssen Menschenmassen ausweichen & versuchen
immer wieder uns anhand einer kleinen Faltkarte zu orientieren.
So
geht es über eine Stunde, bis wir endlich angekommen sind. Der
Schlüsselhalter guckt uns irritiert an & murmelt irgendeinen
anderen Namen, lässt uns dann aber doch eintreten. Die erste
Enttäuschung über die Wohnung weicht schnell einer
Verärgerung: dunkel, laut, eng, ungemütlich. Wir bringen
die Erinnerung der Internetbilder nicht mit den Gegebenheiten nicht
in Übereinstimmung. Das Bett mit 1,5 m ist zu schmal für
zwei, der gute Freund weicht freiwillig auf eine Klappliege aus, die
in der Mitte durchhängt. Es gibt keine Küche, lediglich ein
2-Platten-Kocher & eine winzige Spüle hinter einem Paravent.
Ein einziges Fenster in Kopfhöhe -das sich noch nicht mal
richtig schließen lässt – bringt nicht ausreichend
Licht. Das Bad ist in einem schlechten Zustand, die Vorlegen (und
alle Teppiche) schmuddelig, die Tür lässt sich nur mit
Gewalt schließen. Für diese Unterkunft kann kein positives
Wort gefunden werden, angesichts eines Preises von 90.- EUR/Tag
grenzt das alles an eine Frechheit, da hilft auch die zentrale Lage
nicht.
Wir starten einen ersten Ausflug, bei mir setzen
Kopfschmerzen ein, die sich zu einer Migräne ausweiten. Statt
gemeinsam Essen zu gehen, kehre ich in das ungemütliche „Loch“
zurück & lege mich hin. Der gute Freund zieht allein weiter,
während ich meinen Mageninhalt kopfüber entleere. Es dauert
noch lange, eh der Schlaf mich von den Qualen selig erlöst. Nur
einmal werde ich wach, als der Mitreisende heim kommt.
09.03.2008, Sonntag
Da wir noch nichts eingekauft haben, müssen wir außer
Haus frühstücken. Das ist nicht so einfach, denn die in
Deutschland so beliebten opulenten Morgenmahle sind in Italien
unbekannt. Der Reiseführer empfiehlt die „Bar Castellino“
auf der Piazza Venetia. Es dauert wieder etwas, eh wir das System
bedient zu werden verstehen. Ich begnüge mich mit einem
Toast-Sandwich, denn die Kopfschmerzen sind noch nicht weg. Dazu
wähle ich einen Tee. Wir suchen uns einen Platz draußen &
die Sonne zeigt sich gnädig. Ganz anders dagegen der
Straßenverkehr: es wird gehupt, gedrängelt & energisch
der Motor hochgedreht, alles begleitet vom Gebrumme der Busse &
dem Gesurre der Mofas & Motorroller. Es gibt keine Lücke in
diesem Lärmvorhang der uns eindeckt. Das
erste mal keimt in mir der Gedanke auf, dass diese Stadt ein
Verkehrskonzept braucht. Unser Frühstück schmeckt dennoch,
wenn auch total überteuert. Nach dieser Stärkung gehen wir
die „Via del Corso“ hoch, die zur „Piazza de Popolo“ führt,
einem Platz mit Obelisk und spiegelbildlich angeordneten
Gebäuden.
Obwohl Sonntag haben die Geschäfte geöffnet
& die Anzahl von Flanierenden sprengt die Kapazität der
Fußwege. Also weicht die Hälfte auf die Straße aus,
durch die sich ruppig die Autos ihren Weg bahnen. Wir sind erneut
begeistert von der italienischen Mode & ich kaufe zwei
Hemden.
Der „Piazza de Popolo“ ist voll von Touristen &
wir flüchten in der Park der Villa Borghese. Doch auch dort wird
es nur geringfügig besser, wir finden kein ruhiges Plätzchen
& verweilen schließlich auf den Sitzstufen einer alten
Galopprennbahn, auf der ein paar Jogger ihre Runde traben. Über
einen anderen Weg kehren wir zur „Piazza de Popolo“ zurück &
wir bahnen uns erneut einen Weg durch die Massen oder nutzen mal eine
kleine Parallelstraße. Unser Abendessen nehmen wir in einer
Pizzeria in der Nähe vom Bahnhof Termini ein. Die Pizza ist
lecker dünn, die Atmosphäre gemütlich, der alte
Kellner originell. Der Heimweg über die „Via Cavour“ ist
endlich ruhiger: nur gelegentlich kommt eine Truppe Schüler
entgegen & auch der Strom an Autos lässt hörbar nach.
10.03.2008, Montag
Bereits
um viertel nach sechs weckt mich ein starker, linksseitiger
Kopfschmerz. Mir ist, als würde ein Riese seinen Daumen in mein
linkes Auge drücken, das tränt & schmerzt. Aber ich
schlafe doch noch mal ein & erwache um halb neun im gleichen
Zustand.
Es regnet bereits seit einiger Zeit. Nachdem das gestrige
Frühstück zu teuer war, entschließen wir uns, in
einem nahe gelegenen Geschäft alles notwendige selber zu kaufen.
Der Laden ist recht voll & so dauert es etwas, bis wir bedient
werden. Wir kaufen 3 „panino“
(größere Brötchen), 8 Scheiben „Salami Milano“,
ein kleines Paket Butter, ein Glas Nutella & 2 „bigne“
(mit Vanillecreme gefülltes Gebäck). Mittlerweile ist der
Regen viel stärker geworden & wir werden trotz Schirm &
gerade mal 150 Metern Weg naß.
In der Wohnung entdeckten wir
bereits zuvor schwarzen Tee in Beuteln & löslichen Kaffee.
Somit sind wir für das Frühstück versorgt. Selbst das
Problem, lediglich ein Messer vorzufinden, kriegen wir
freundschaftlich gelöst – allerdings ein weiteres Indiz für
den miesen Zustand der Ferienwohnung.
Als der Regen nachlässt,
gehen wir raus. Es steht ein Besuch im „Pantheon“ an. Doch
bereits auf dem Weg dorthin bemerke ich, dass ich einfach mit diesen
Menschenmassen nicht klar komme. Überall, wo es eine
(vermeintliche) Sehenswürdigkeit zu entdecken gibt, sammeln sich
Horden von Schulklassen & Reisegruppen an, die mir jegliche
Möglichkeit rauben, mich in Ruhe auf etwas einzulassen. Im
Pantheon bleibt mir nur noch die Flucht & ich warte hinter dem
Gebäude auf den guten Freund. Dabei schicke ich eine SMS an Frau
N., aber die Antwort ist auch kein Trost. Meine Stimmung sinkt auf
Gefrierpunktnähe & ich will nur noch weg aus dieser Stadt.
Aber das wage ich noch nicht im Gespräch zu äußern.
Statt dessen gehen wir in eine Café-Bar, in der wir mit einer
Arroganz bedient werden, dass wir am liebsten gehen würden.
Gehen
tun wir danach in Richtung „Via Cavour“. Hier sei ein Zitat von
Walter Benjamin angebracht: „Der Bürgersteig ist auffallend
schmal. Man hat bemerkt, dass die Leute auf der Straße hier 'in
Serpentinen' gehen. Das ist ganz einfach eine Folge der
Überbevölkerung der engen Bürgersteige.“ Nur dass er
damit Moskau von 1928 meint, ich hingegen das Rom von 2008. Und in
dieser Stadt wird alles dem Straßenverkehr untergeordnet. So
wird überall geparkt, auch auf Zebrastreifen & wir müssen
uns ständig irgendwie durch schlängeln. Sind die Straßen
in einem guten Zustand, so gilt das keinesfalls für die Fußwege.
Die Fahrbahn überquert man am besten so, als würde man die
herankommenden Autos & Motorräder gar nicht bemerken. Nimmt
man jedoch Blickkontakt zu dem Fahrer auf, dann hat man verloren &
muss warten.
In der „Via Cafour“ kaufe ich ein
preisreduziertes Lederjackett. Es ist gar kein Problem, dies auch in
Größe S zu bekommen – in HH fast aussichtslos. Ebenso
wie es hier auch ganz selbstverständlich Konfektionsgröße
46 gibt – in HH eigentlich kaum ein Versuch wert.
Zufrieden mit
dem Kauf gehen wir zurück, um uns etwas auszuruhen. Die langen
Märsche machen sich bemerkbar, denn Rom ist nun mal keine
Kleinstadt. Das Abendessen nehmen wir in einer Osteria ganz in der
Nähe ein. Qualitativ sehr gut, aber leider auch hier eine
unfreundliche Bedienung. Wir teilen uns eine Flasche Wein, dafür
verzichte ich auf den abschließenden Grappa. Zwar sind die
Kopfschmerzen dank Aspirin schon länger weg, aber ich will kein
unnötiges Risiko eingehen.
11.03.2008, Dienstag
Für mich wird es zur Gewissheit,
dass ich nicht in dieser Stadt bleiben möchte. Aber was wird
mein Reisebegleiter dazu sagen? Nun, er nimmt es erhofft entspannt
auf, will aber selber noch bleiben. Ich bin dankbar dafür, kann
mich trotzdem nicht eines schlechten Gewissens erwehren. Damit muss
ich klar kommen.
Nach
dem Frühstück – mittlerweile haben wir das Messer-Sharing
gut im Griff – ziehen wir wieder los. Der Himmel verspricht einen
sonnigen Tag. Um den Touristenmassen auszuweichen, entschließen
wir uns dazu, eine der ältesten Handelsstraßen, die „Via
Apia“ zu bewandern. Aber sie ist auf unserer Innenstadtkarte nicht
verzeichnet & eine Umgebungskarte in sehr kleinem Maßstab
bietet nur eine ungefähre Orientierung. Immerhin erkennen wir,
das wir uns süd-östlich halten müssen und die Straße
jetzt „Via Apia Antica“ heißt.
Ich bin mit Hemd,
Pullover & Wollmantel zu dick angezogen, habe aber keine
Möglichkeit eines der Kleidungsstücke zu verstauen. Da muss
ich also durch. Ebenso wie durch den Lärm des Straßenverkehrs,
der konstant & konsequent uns begleitet. Die Straße, die
wir entlang gehen, wird immer breiter & befahrener. An einer
großen Kreuzung wissen wir nicht mehr weiter. Die Beschilderung
ist keine Hilfe, den Bereich der detaillierten Karte haben wir
bereits verlassen, die Straßennamen folglich nicht zu finden.
Wir beratschlagen uns & nehmen einen anderen Weg. Nein, das war
auch nicht richtig. An einer Straßenecke treffen wir auf zwei
Polizisten. Sie antworten wortgewaltig auf italienisch, aber die
Handbewegung deutet uns immerhin die Richtung. Lediglich bei der
Aussage über die Wegzeit sind wir uns nicht einig: der gute
Freund versteht „fünfzig“, ich eher „fünf“
Minuten.
Nun denn, wir folgen der neuen Vorgabe & sind nach
fünfzehn Minuten wieder ratlos. Endlich ein englisch sprechender
Italiener, der sich aber nicht sicher ist: „By car no problem, but
walking I'm not sure.“ Wir versuchen es trotzdem & gehen &
gehen, bis wir an fast die Stellte gelangen, an der wir das erstemal
unsicher waren. Aber nun marschieren wir weiter an der alten
Stadtmauer entlang, bis zum nächsten Tor & dort endlich
finden wir sie! Und die entpuppt sich als eine stark befahrene Straße
mit Kopfsteinpflaster, die zwischen hohen Grundstücks- &
Gebäudemauer hindurch führt & dementsprechend laut ist.
Doch vielleicht ändert sich das ja noch & so wandern wir am
Fahrbahnrand voran, lediglich durch eine nur noch schwach erkennbare
weiße Linie von den Autos getrennt. Der Lärm bereitet
Kopfschmerzen & es gesellt sich Aggression hinzu. Mit jedem Meter
wird es schlimmer & keine Spur von einer alten, ruhigen,
vielleicht denkmalgeschützten, zwischen Bäumen verlaufenden
„Via Appia“. Wir geben auf & kehren um, nun wesentlich
schneller, da der Umweg ausgelassen wird. Beide sind wir
frustiert.
Kurz bevor wir in der Ferienwohnung zurück sind,
nehmen wir einen Snack ein. Anschließend mache ich mich allein
auf den Weg zum Flughafen, um zu versuchen, einen vorzeitigen
Rückflug nach HH zu bekommen. Das klappt überraschend gut &
ist zudem wesentlich günstiger, als ich befürchtet hatte.
Also wird ein Platz in der Maschine für übermorgen gebucht.
Erleichterung macht sich breit, bringt aber im Gepäck auch eine
gehörige Portion schlechtes Gewissen mit.
12.03.2008, Mittwoch
Heute
steht – für mich als Abschluss – der Vatikan auf dem
Programm. Wir gehen das westliche Ufer des Tibers entlang, was
angesichts des Zustandes der Fußwege kein leichtes Unterfangen
ist. Der Asphalt ist größtenteils aufgebrochen & die
Wurzeln der Bäume bilden mitunter gefährliche Schlingen.
Aber der typische Römer geht ja auch nicht zu Fuß, sondern
nimmt das Auto. Und so zieht an uns eine endlose Blechlawine vorbei,
mit ihrem Gehupe, Motorenlärm & Gejaule diverser
Polizeifahrzeuge. Diese werden noch ergänzt um zahlreiche
Zivilfahrzeuge mit aufgesetztem Blaulicht. Ob es sich dabei um
Regierungsmitglieder oder höhere Beamte handelt, erschließt
sich mir nicht.
Eine steigende Anzahl von fliegenden Händlern
mit den verschiedensten christlichen Devotionalien weisen schließlich
den Weg zum Petersdom. Und der Platz davor ist erwartungsgemäß
voll. Bevor wir uns in der Warteschlange anstellen, gehe ich zum
Postbüro, kaufe Briefmarken für ein paar vorbereitete
Urlaubskarten & vier Stück für meine Sammlung.
Angeblich soll die Post vom Vatikan aus schneller seinen Empfänger
erreichen, als von einem italienischen Briefkasten aus. Für
einen Versuch müsste ich recht zeitnah zwei Karten an mich
adressiert einwerfen – ich lasse es sein.
Nun
heißt es geduldig vor der Sicherheitskontrolle zu warten.
Glücklicherweise gibt es kein Gedränge, sondern es läuft
ganz zivilisiert ab. Zum Anfang schlendern wir mit gefühlten
weiteren eine Million Besuchern durch den Dom. Ich mache ein paar
Fotos, aber der integrierte Blitz meiner Canon 400 D ist zu schwach.
Der gute Freund ist diesmal ob der Fülle so genervt, wie ich
zwei Tage zuvor im Pantheon. Er hat leider keine Fluchtmöglichkeit.
Zum Teil schreckt ihn auch die prunkvolle Kirchenausstattung
ab.
Anschließend begehen wir den Fehler, uns in die
Warteschlange zum Aufstieg in die Kuppel einzureihen. Denn hier kommt
es zum gefürchteten Geschiebe. Lange Zeit drückt sich mir
ein Bierbauch aus Altötting in den Rücken & der dortige
Dialekt quält meinen Gehörgang. Rücksichtslos schieben
sich diese zwei Ehepaare vorbei – manche Leute meinen halt, sie
hätten gewisse Vorrechte.
Wir verzichten auf den Lift &
nehmen statt dessen die Treppe zum ersten Aussichtspunkt. Von dort
aus führt eine enger werdende Wendeltreppe mit weiteren 340
Stufen hoch hinaus & offenbart einen eindrucksvollen Blick über
die Stadt. Eine alte Dame (von der ich nicht weiß, wie sie die
Steigung bewältigt hat) klappt dort oben zusammen & zwei
Aufseher haben ihre liebe Not mit ihr. Beim Abstieg entdecken wir
vier Sanitäter auf dem Weg nach oben. Aber wie sie die Patientin
herunter schaffen wollen, ist mir ein Rätsel, denn mit einer
Trage wird das nicht gehen. Vielleicht von den Priestern segnen
lassen und dann den direkten Weg?
Auch
beim Rückweg in unser Quartier verzichten wir auf öffentliche
Verkehrsmittel. Dementsprechend k.o. sind wir bei der Ankunft. Nach
einer wohlverdienten Ruhephase schlagen wir den Weg zum Bahnhof
Termini ein. Dort landen wir in einem Touristenrestaurant, aber die
Qualität ist okay. Nur die anschließende & den Abend
abschließende Suche nach einer gemütlichen Bar mit Musik
bleibt erfolglos. Das scheint es in Rom nicht zu geben. In einer
versuchen wir es, flüchten aber nach einem Getränk vor den
Horden 14-/15-jähriger Schüler aus D & GB. Deren
pupertäres & pseudo-cooles Gehabe müssen wir uns nicht
antun.
Schließlich packe ich meine Sachen für die
morgige Abreise. Wehmut ist keine dabei, nur das schlechte Gewissen
dem guten Mitreisenden gegenüber. Es ist nicht seine Schuld, die
Stadt & ihre sonstigen Besucher sind es.