06.04.2008, Sonntag
Kommentar
Gestern Abend habe ich in der aktuellen Ausgabe der sehr guten Zeitschrift „Lettre International“ zwei längere politische Artikel gelesen. Der eine („Zucker aus dem Kreml“ von Krystyna Kurczab-Redlich) handelt von der Verwicklung des russischen Geheimdienstes FSB (Nachfolgeorganisation vom KGB) in die Bombenanschläge auf Moskauer Wohnhäuser 1999. Sie waren ein Auslöser für den 2. Tschetschenienkrieg und es wird die Theorie aufgestellt, dass der FSB selber diese Attentate durchgeführt hat, um damit diesen Krieg zu rechtfertigen. Sie nennt dabei viele Namen von Menschen, die für die Verbreitung dieser Theorie gekämpft haben & nun tot sind. Und mir stellt sich dabei die Frage, wie tief Wladimir Putin darin verwickelt ist. Jener ehemalige Geheimdienstchef, der wahrlich nicht als Demokrat bezeichnet werden kann, dennoch fleißig von allen Staatschefs hofiert wird.
Der zweite Artikel („Feuer frei!“ von Michael Massing) beschäftigt sich mit Erlebnissberichten amerikanischer Soldaten im Irakkrieg. Er beschreibt dabei die hohe Anzahl von zivilen Opfern & die schonungslose bis grausame Vorgehensweise der U.S.-Truppen. Leider gerät dieser Krieg (denn meiner Meinung nach ist das noch immer ein Krieg) in der deutschen Öffentlichkeit immer mehr in Vergessenheit. Ein Krieg der von einem anderen hohen Staatsmann – George W. Bush – angezettelt wurde, ebenfalls aufgebaut auf Lügen & fadenscheinigen Argumenten.
Diese zwei Artikel machen mir wieder meine eigene Ohnmacht
bewusst. Die Politik lässt so etwas aus eigenen Interessen immer
wieder durchgehen & ich habe keine Hoffnung, dass sich daran
etwas ändern wird. Wo ist der Politiker oder Staatschef, der
sich hinstellt & sagt: „Herr Putin, Herr Bush, sie sind Mörder
durch die Hand ihrer Soldaten, ohne dass sie dafür eine
Legitimation hatten. Denn alle ihre Äußerungen sind auf
Lug & Trug aufgebaut. Mit solchen Menschen möchte ich keine
Gespräche führen & werde das auch nicht tun.“
Doch
das bleibt ein Traum. „I have a dream“ sagte Martin Luther King,
der vor 40 Jahren ermordet wurde. Wer wird je endgültig wissen,
ob & von wem der Mörder beauftragt wurde ...
Heute Morgen entdeckte ich in der F.A.Z. vom Freitag eine kleine Auslandsmeldung:
„Vorwürfe gegen Beresowskij – Der russische Unternehmer Boris Beresowksij ist nach Ansicht russischer Ermittler der Auftraggeber für den Mord an der regierungskritischen Journalistin Anna Politkowskaja. Das sagte der Chefermittler Dmitrij Dowgij in seinem Interview mit der Tageszeitung 'Iswestija'. Die Journalistin sei 2006 erschossen worden, weil sie 'immer in Opposition zum Machtapparat' gewesen sei, 'wo sie auch mit Beresowskij aneinandergeriet', sagte Dowgij. Die Auftraggeber des Mordes 'wollten zeigen, dass man in Russland bekannte Persönlichkeiten umbringen kann, ohne dass die Täter gefasst werden', sagte Dowgij, ohne Beweise zu nennen. Generalstaatsanwalt Jurij Tschaika hatte 2007 mitgeteilt, Tschetschenen sowie 'Staatsfeinde im Ausland' hätten die Journalistin ermordet. Gegen den im Londoner Exil lebenden Beresowskij wird in Russland wegen mehrerer Wirtschaftsverbrechen ermittelt. (dpa)“
Der Name war noch frisch im Gedächtnis, denn er kam in dem o.g. Artikel „Zucker aus dem Kreml“ vor. Denn jeder Berezowskij sollte Anfang 1998 von dem KGB-Offizier Litwinenko getötet werden. Der aber widersetzte sich dem Befehl, wurde verhaftet & floh später nach London. Dort nahm er Kontakt zu Beresowskij auf & wurde von ihm finanziell unterstützt. Litwinenko stellte sich zunehmend gegen das Putin-Regime & die Machenschaften des FSB – ebenso wie Anna Politkovskaja. Beide wurden mittlerweile ermordet. Daher ist es eine ziemlich perfide Idee, ein „Opfer“ des FSB (nämlich Beresowskij) zum Anstifter des Mordes an einer bedeutenden Regimekritikerin zu bezichtigen.